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Description
Der Konnex von Macht und Geschlecht beziehungsweise Sexualität ist seit den grundlegenden Arbeiten von Joan W. Scott (Scott 1986) und Michel Foucault (Foucault 1986a; 1986b) in den Altertumswissenschaften fest etabliert. Nachdem wichtige Pionierstudien in den 1990er Jahren die Fruchtbarkeit solcher Ansätze demonstriert hatten (u.a. Halperin/Winkler/Zeitlin 1990; Späth 1994; Gleason 1995; Meyer-Zwiffelhoffer 1995; Williams 1999), zeigt die Fülle von Publikationen der letzten Jahre die ungebrochene Aktualität geschlechtergeschichtlicher Perspektiven (u.a. Schmitt Pantel/Späth 2007; Foxhall 2013; Hubbard 2014; Masterson/Rabinowitz/Robson 2015; Boehringer/Lorenzini 2016 sowie die 2011 neugegründete Zeitschrift EuGeStA, die sich ausschliesslich den Gender-Studies in der Antike widmet). Die geplante Tagung will eine Zwischenbilanz dieser fruchtbaren Forschungen ziehen und gleichzeitig zentrale Prämissen zur Diskussion stellen. Hierzu wurden einschlägig forschende Nachwuchswissenschaftler*innen zusammen mit etablierten Forscher*innen eingeladen mit dem Ziel, gemeinsam in einen kritischen Dialog zu treten und Potentiale für die Weiterentwicklung antiker Geschlechtergeschichte auszuloten. Im Fokus stehen dabei zwei Perspektiven: Einerseits wird gefragt, ob die Geschlechtsdichotomie von Männlichkeit und Weiblichkeit aufgrund der neueren feministischen Theorien zu überdenken ist. Andererseits soll die Assoziation von Männlichkeit mit Macht und Weiblichkeit mit Machtlosigkeit einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Auf diese Art sollen eine theoretische Standortbestimmung erfolgen und gleichzeitig Perspektiven für künftige Forschungen aufgezeigt werden.Die Tagung gliedert sich in vier Sektionen: In der ersten Sektion («Weiblichkeit, Männlichkeit, Macht und die Antike: Theoretische Perspektiven») und in der Keynote-Lecture wird einführend aus einer transepochalen und interdisziplinären Perspektive eine aktuelle Standortbestimmung zur theoretischen Debatte rund um Geschlecht und Macht, aber auch Frauengeschichte und Männlichkeitsforschung vorgenommen. Dabei soll aber nicht bloss nach der Bedeutung theoretischer Konzepte für die Antike, sondern auch umgekehrt nach der Bedeutung der Antike für die theoretische Debatte gefragt werden. Denn mit der Frage, «ob man anders denken kann, als man denkt» (Foucault 1986a, 15), hatte Michel Foucault der klassischen Antike eine prominente Stellung eingeräumt, die durch das Erscheinen des vierten Bandes der «Histoire de la sexualité» (Foucault 2018) erneut in Erinnerung gerufen wurde. Die Frage, ob man in der Antike wirklich «anders dachte», ist dabei über die Alte Geschichte hinaus von gesellschaftspolitischer Relevanz und stellt gleichzeitig eine methodische Herausforderung für die Geschlechtergeschichte der Antike dar: Denn damit wird nicht nur die metahistorische Gültigkeit gegenwärtiger sexueller Identitäten hinterfragt, was zu entsprechender Kritik Anlass gibt (so etwa Richlin 1993; 2006 und Davidson 2007 sowie differenziert kritisch: Halperin 2002), sondern es muss auch bedacht werden, inwiefern man bei der Betrachtung der Antike der Falle entgehen kann, dass die Differenzperspektive (oder deren Fehlen) bereits durch die theoretischen Grundannahmen vorweggenommen wird.Die zweite Sektion («Antike Konzepte von Männlichkeit») richtet den Blick auf die Art, wie Männlichkeit(en) in der Antike konzipiert wurden und welche Praktiken Männlichkeit herstellten und behaupteten. Im Fokus soll dabei einerseits die Frage stehen, ob Männlichkeit - auch mit Blick auf Männlichkeitsforschung beziehungsweise Men’s Studies (vgl. Martschukat/Stieglitz 2018) - losgelöst von einer ihr binär gegenüberstehenden Weiblichkeit gedacht werden konnte. Andererseits bietet die Sektion aber auch Anlass, Diskussionen aus der ersten Sektion aufzugreifen und grundsätzlich darüber zu reflektieren, ob R.W. Connells Konzept der «Hegemonialen Männlichkeit» (Connell 2000), das in neueren althistorischen Arbeiten (etwa Albrecht 2016) zur Anwendung kommt, eine sinnvolle Kategorie für die Antike darstellt (zumal Connell selbst das Konzept explizit auf die Moderne beschränkt wissen wollte).Die dritte Sektion («Antike Konzepte von Weiblichkeit») widmet sich der Konstruktion antiker Weiblichkeit(en). In Anbetracht der durch einen männlichen Blick dominierten Quellen stellt sich für «Weiblichkeit» die Frage deutlich zugespitzter, ob diese Kategorie überhaupt unabhängig von «männlich» konnotierten Eigenschaften gedacht werden konnte. Positive Bewertungen von Frauen sehen daher häufig so aus, dass diese entweder geschlechtslos sind (Langlands 2014) oder aber den Männern angenähert werden, wie etwa Lucretia, von der Valerius Maximus meint, ihre männliche Seele sei «durch einen bösartigen Fehler des Schicksals» in einem weiblichen Körper gefangen gewesen (Val. Max. 6.1.1). Das Ziel der Sektion soll es sein, Perspektiven jenseits einer solchen Defizitbeschreibung zu eröffnen und den Fokus auf genuin «weiblich» konnotierte, positive Eigenschaften zu legen. Dabei soll aber auch - etwa im Sinne einer «narrativen Performanz» (Späth 2011) - der Blick auf Intersektionalität und Handlungsspielräume weiblicher Akteurinnen innerhalb normativer Vorstellungen von Weiblichkeit eröffnet werden. Die vierte Sektion («Antike Konzeptionen von Macht und Geschlecht») fragt nach dem Zusammenhang von Macht und Geschlecht. Dabei soll der Konnex von Männlichkeit mit Macht und Weiblichkeit mit Machtlosigkeit kritisch reflektiert werden (vgl. dazu etwa Beard 2017 bzw. Wagner-Hasel 2018). Gefragt werden soll unter Einbeziehung moderner Theorien der Intersektionalität (dazu u.a. Purtschert/Meyer 2010; Meyer 2017) nach alternativen Möglichkeiten, Machtbeziehungen zu konzeptualisieren (etwa über Status oder Alter), und den daraus resultierenden Interdependenzen mit Geschlechterkategorien. Dadurch kann auch der Blick geschärft werden für alternative Konzepte der Ausübung von Macht und Dominanz wie etwa die gemischtgeschlechtliche Herrschaft als «power-couple» (Bielman Sánchez 2019).Die einzelnen Vorträge greifen jeweils Themen und Fallstudien aus den aktuellen Forschungen der Referent*innen auf, sind aber untereinander durch die gemeinsamen methodisch-theoretischen Fragestellungen verbunden. Entsprechend wichtig ist die gemeinsame Diskussion, der bewusst viel Platz eingeräumt wird, um am Ende zu einer fundierten methodisch-theoretischen Standortbestimmung zu gelangen und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, die über die einzelnen Anwendungsbeispiele hinausgehen.(Eine Bibliographie mit der zitierten Literatur findet sich im Upload-Bereich.)
| Status | Finished |
|---|---|
| Effective start/end date | 7/1/02 → 10/31/21 |
Funding
- National Science Foundation: $178,543.00